Letztes Konzert von INROAD, Grimma und die Menschlichkeit auf dem Land

Auf unserer Facebookseite steht eine Danksagung welche ich euch hier natürlich nicht vorenthalten möchte.

„“Ich sag es mal so, die Zeit ist gekommen für eine letzte Show… und trotzdem bitte glaube mir, bleibt irgendetwas von mir immer hier, vielleicht… auch in dir!“

Und so ist es gekommen, Leute es war Wahnsinn, emotional und berührend. DANKE für alles, an alle Gäste, Freunde und Familie!!! Wir haben die Musik immer für euch gemacht und haben dies ein letztes Mal gemeinsam zelebriert. Besonderer Dank an die „modern youth – Grimma“, ohne die das Konzert nicht möglich gewesen wär.

Aussagen die kamen wie: „Eine Ära geht zu Ende…“; „Der Abschied einer geilen Zeit…“; „Wie in den alten Tagen…“; „Grimmas größte Band verabschiedet sich…“; „Live war es schon immer etwas Besonderes mit euch…“ oder „Da habt ihr nochmal alle zusammen bekommen…“ treiben Tränen in die Augen und machen Stolz zugleich! Soviel verschiedene Gesichter aus alten und neuen Tagen, aus verschiedenen Inroadzeiten und Lebenslagen – alle ward ihr da.

Ihr ward alle Wahnsinn, DANKE! Unbeschreiblich! Jetzt müssen wir erst mal die ganzen Gefühle verarbeiten und dies sortieren. Aber es war ein würdiger Schlusspunkt!

ES WIRD EINEN FERTIGEN LIVEMITSCHNITT GEBEN. Wir werden dies hier kund tun und dann könnt ihr die kostenlose DVD bei Interesse natürlich auch erhalten!

Wir sehen uns im Alltag oder Abseits der Zahnräder unserer Gesellschaft!

eure INroaDIANER“

Es war ein anstrengender Abend, ein anstrengender Tag und anstrengende Wochen im Vorfeld. Auch ich fand es wunderschön wie viele Menschen vorbei gekommen sind um uns bei unserer eigenen Beerdigung zu begleiten. Leider war ich, wie so oft an einem solchen Konzertabend, nicht in der Lage auch nur annähernd ein Gespräch zu führen was mir sehr leid tut.

Als es irgendwann (2014) mal zur Sprache kam ob und wann wir unser letztes Konzert spielen wollen, hatte ich dazu keine richtige Lust und muss ehrlich sagen ich wollte dies nicht. Warum? INROAD markiert für mich die Hälfte meines bisherigen Lebens und vor allem bedeutet ein Letztes Konzert zu spielen auch, dass damit ein Schlussstrich gezogen wird.
Damit konnte ich mich nicht so wirklich anfreunden, denn meine Ideale wären und meine Einstellung wär ohne INROAD wahrscheinlich eine etwas andere. Vielleicht aber auch nicht, keine Ahnung. Es gab ein paar wenige Menschen die mir dies am 25.09. angesehen haben, zumindest haben sie es gesagt und haben mich mit den richtigen Worten wieder aufgebaut. Ja ich sehe es als Befreiung und Ja wenn etwas vorüber ist kommt etwas Neues. Wir leben aktuell in einer Gesellschaft die völlig verzerrt und ängstlich agiert und reagiert. Es wird sich auf unserer Welt einiges ändern, aber müssen wir dabei die lang erkämpfte Menschlichkeit mit beerdigen? Ich hoffe nicht! Vielleicht tut die Sache mit INROAD auch deshalb so weh, denn das Medium Dinge in die Welt zu rufen die mir nicht passen wird mir fehlen. Ich spiele zwar bei ANGSTBREAKER, aber so wirklich bekommen wir es aufgrund der ganzen privaten Verpflichtungen nicht auf die Reihe, entsprechend meiner Bedürfnisse der Häufigkeit, Auftritte zu spielen um eben genau dies zu erzeugen. Diese Entladung erzeugt mensch einfach nicht im Proberaum. Sei es drum, auch dies wird sich vielleicht irgendwann wieder einpegeln und ich kann meiner Wut und meinen Hass innerhalb von Auftritten kanalisieren und diesem freien Lauf lassen.

Ich versuche mich jeden verdammten Tag aktiv in den Wandel und die Veränderung unserer Gesellschaft einzubringen. In Grimma selbst gibt es viele Menschen die mich dabei aktiv unterstützen, ohne die auch dieses Abschlusskonzert nicht möglich gewesen wär. Sie waren es die Wochenlang die Location vorbereitet haben, die mit mir durch Höhen und Tiefen mit den Ämtern gegangen sind. Ich lasse mich auf Deals ein die mich abhängig machen vom System, damit es einfach in unserer ländlichen Region Konzertveranstaltungen und andere kulturelle Jugend relevante Aktivitäten und Kultur geben kann. Denn ohne diese hätte dies auch mit INROAD vor 15 Jahren nicht funktioniert. Dort waren es vier Menschen die uns als Jugendlichen dies ermöglicht haben und ich möchte diese vier Menschen auch gern beim Namen nennen und danken. Ich finde dies ist ein geeigneter Rahmen dafür. Diese vier sind Elke Sauer, Anja Wojtyschak, Torsten Wanke und Tobias Jahn.

Irgendwann habe ich angefangen die Texte von Lunge, der zu den wichtigen Themen stets die richtigen Worte gefunden hat, einfach auch zu Leben und mein Engagement überstieg schnell das eines Bassisten in einer Band. Für diese Texte kann ich Lunge nur bis in alle Ewigkeit dankbar sein, denn irgendwie haben sie genau das ausgedrückt was ich sagen wollte. Eines muss ich jedoch selbstkritisch sagen, im Bezug auf Freundschaft und im Bezug auf die Liebe zweier Menschen untereinander, namens Beziehung war und bin ich nicht in der Lage die geschriebenen Worte in die Realität umzusetzen. Das hat Lunge wesentlich besser hin bekommen und ein bisschen bin ich darauf auch neidisch. Wenn ich so zurück denke habe ich den überwiegenden Teil der Beziehungen die ich in den letzten 16 Jahren insbesondere zu Frauen geführt hab, nur geführt weil ich die Frauen auch in irgendeinem Zusammenhang mit Inroad kennen gelernt hab. Ist schon komisch und fühlt sich auch verdammt komisch an wenn ich so drüber nachdenke. Selbst meine jetzige Freundin hätte ich wahrscheinlich ohne die Band niemals kennen gelernt. Ein besonders „guter“ Freund war ich in diesen Beziehungen sehr selten, zumindest wurde mir dies immer so reflektiert und irgendwie wird da mit hoher Wahrscheinlichkeit auch einiges an Wahrheit drinnen stecken. Um es zusammen zu fassen, INROAD markiert für mich einfach den überwiegenden Teil meiner gesamten Jugendzeit und vor allem meiner Persönlichkeitsentwicklung und genau aus diesem Grund fällt es mir sehr schwer das jetzt alles hinter mir zu lassen, aber ich freue mich auf das was kommen mag und bin vor allem gespannt. Wahrscheinlich wird einer der letzten Gedanken in meinem Leben irgendwann einmal für die Zeit mit Inroad drauf gehen und dieser Gedanke ist alles andere als Verschwendung. Danke Lunge, danke Hauni, HEARTS und danke Ulfo und auch an Uwe mein Dank für die ersten Jahre!

Ich wurde und werde nach wie vor häufig gefragt warum ich noch in Grimma wohne und warum ich hier lebe. Nun ja wir haben mit Inroad immer versucht uns genau dieser Frage zu stellen und vor allem haben wir versucht in unseren Songs über die Unterschiede der Menschen auf dem Land und in unserem Aktionsradius zu singen. Vielleicht ist deshalb auch bei uns Crossover heraus gekommen. Ich mein ein Gitarrist aus einer Metal und Mittelalterband, ein Bassist einer Punkband und ein MC einer HipHop Crew, was sollen die Ende der 1990iger Anfang der 2000er Jahre auch anderes machen als Crossover mit einer Hardcore Attitüde wenn Band gleich zu Beginn ihrer Auftrittskarriere mit Terror und Comeback Kid in Leisnig und Such a Surge in Audigast auf der Bühne steht. Für uns und besonders für mich war es immer wahnsinnig wichtig auf dem Land präsent und aktiv zu sein. Wie wichtig dies auch heute wieder ist sehen wir anhand der aktuellen GIDA Debatte, der Asylthematik und dem nach wie vor real existierendem Rassismus Problem in den ländlichen Regionen und besonders denen in Ostdeutschland und genauer denen in Sachsen. Nun können sich die Politiker_innen hin stellen und behaupten, dass wir mit all diesen Sachen kein Problem hätten und dort muss ich entgegnen, DOCH haben wir. Siehe Heidenau, Freital, Dresden, Leipzig und und und! Dieser Hass entsteht ja nicht im Luftleeren Raum sondern er benötigt Nährboden und diesen hat er in Sachsen in weiten Teilen der Bevölkerung. Vielleicht liegt es aber auch daran das es in Sachsen einen fließenden Übergang von 40 Jahren SED Diktatur in mittlerweile 25 Jahre CDU Diktatur gab. Hier muss ich anfügen das ich explizit die Landesebene meine, denn kommunal im Stadtrat und Kreistag ist mit vielen Menschen der genannten Partei doch eine sehr positive Zusammenarbeit möglich. Doch warum auf dem Land im sächsischen Grimma bleiben wenn ich doch auch in jede andere, wesentlich größere und schönere Stadt auf der ganzen Welt könnte! Nun ja die Entscheidung fiel mit Inroad nicht schwer und mit dem veranstalten von Konzerten in Grimma fühlte ich mich persönlich auch als Teil der Gesellschaft der seinen persönlichen Teil dazu beiträgt das es nicht nur auf die Dorfdisco, das Stadtfest und die Feuerwehrfeste als kulturelle Freizeitbeschäftigung hinaus läuft. Ich mache all dies sehr gern und irgendwie hatte ich immer das Gefühl das dies seinen Teil dazu beiträgt das es nicht nur Nazitreffpunkte in Grimma gibt, nein sondern das sich auch irgendwie Jugendliche ernstgenommen fühlen denen die Menschheit nicht egal ist, dafür aber der Nationalismus völlig schnurz ist und die ein Problem mit rassistischer und Menschenfeindlicher Diskriminierung haben.

Als nun am Freitag das Konzert vorbei war bin ich völlig zusammengebrochen und hab wahrscheinlich 30 Minuten aus dem nichts einfach nur geweint. Ich kann mich nur an eine einzige Situation in meinem Leben erinnern als dies ebenso passiert ist. Nur ist bei dieser Situation Leben entstanden und bei der Situation am Freitag ist „nur“ eine Band beerdigt wurden. Warum dies für mich nicht so einfach ist habe ich versucht kurz zu erklären, werde es aber wahrscheinlich mal wieder nicht klar verständlich geschafft haben, aber egal.

Am Sonntagabend ist dann etwas skurriles passiert und das trifft die oben angesprochene Nährbodenthematik auf den Punkt. Ich bekomme eine Nachricht von einem Menschen, welcher jetzt nicht zu meinem engeren Freundeskreis, jedoch zum regionalen engeren freundschaftlichen Bekanntenkreis gehört. Ich möchte euch seine Nachricht die er mir auf Facebook sandte nicht vor enthalten. Denn plötzlich war mir deutlicher als je zuvor warum ich auf dem Land bleibe und warum gerade auf dem Land politische Arbeit die Weltoffen, humanistisch, sozial, jugendrelevant, Diskriminierungsfrei und menschlich ist von unabdingbarer Notwendigkeit ist.

Hier die Nachricht: „Ich war heute Fußball spielen wir haben XX:XX verloren. Schade! Nach dem Spiel dachte ich mir auf ein zwei Bierchen mit den Fans kann man sich noch im Sportlerheimn nieder lassen, gesagt getan…! Hab auch eine Runde Bier gegeben nach dem ich mich gesetzt hab, war nicht das Thema: schlechtes Spiel, nein es ging nur um die Flüchtlings Politik. Nach spätestens 10 min musste ich feststellen das ich an dem Tisch von ca. 10 Mann der einzige war der für die Flüchtlinge war es ist echt traurig wie die Leute auf mich eingeredet haben. Mir wurde vorgehalten ich sei total blind, der deutsche Staat geht unter und ich sei eine Zecke die eigentlich Prügel verdient. Wie soll denn das hier noch weiter gehen? Mir gingen am Ende die Argumente aus, hab dann schnellst möglich das Lokal verlassen da ich mich einfach allein gelassen fühlte.“

Diese Nachricht und das ich sie erhalten hab, lässt sich nicht zurück führen auf das Konzert am Freitag. Vielleicht auf die Jahre zuvor, aber wohl eher auf das Vorleben der Inhalte und nicht nur das von der Bühne schreien. Genau dies macht diese Nachricht so wertvoll und vor allem zeigt sie das WIR, alle die irgendwo im ländlichen Raum aktiv sind unsere tägliche Arbeit gegen die Ressentiments der Landbevölkerung nicht für umsonst machen. Denn es gibt in allen Bereichen auch immer wieder Menschen die bestimmte politische Dinge nicht so radikal sehen, wie wir es vielleicht tun, aber denen der Begriff Menschlichkeit etwas bedeutet und genau um diese Menschen geht es. Für diese Menschen müssen wir da sein, damit sie nicht vom Alltagsrassismus ihres unmittelbaren Umfeldes unterdrückt werden. Sei es im Fußballverein, der Feuerwehr, dem Schützenverein, dem Gartenspartenverein, dem Volleyballverein und wo auch immer. Mich erinnert dies an eine Zeit die über 15 Jahre zurück liegt und egal wo du dich damals für Menschlichkeit und gegen Rassismus ausgesprochen hast, du warst immer das „Arschloch“, die „Zecke“ oder heute der „linksversüffte Gutmensch“. An meine Freund_innen und Mitleser_innen im 04277 KIEZ sei gesagt, nicht jede_r Mensch der Fußball spielen möchte hat die Möglichkeit dies in einem Diskriminierungsfreien Raum zu tun, er wird auf dem Land immer wieder mit diesem Problem konfrontiert sein. Dabei will er im Grunde „nur“ Fußball spielen!

Genau das ist der Moment wo ich einen unserer INROAD Texte, den des Liedes Herzschlag zitieren möchte: „Ihr könnt mich drehen, biegen wie eine Maschine programmieren, erdrücken, zerbrechen, mein Kopf immer wieder ‚money‘ pulieren, meine Flügel beschneiden, ‚oh gebt mir den Schmerz, eins bekommt ihr NIE – mein Herz“! Steigern wir uns mit dem Intro zu dem Song, welches ein Sample aus dem Film Gandhi beinhaltet, welches da lautet: „Sie können wenn sie wollen meinen Körper foltern, mir meine Knochen brechen, mich sogar umbringen, dann haben sie zwar meinen Leichnam, aber keineswegs meinen Gehorsam.“ Auch ohne INROAD werde ich auf dem Land für die Menschlichkeit einstehen, ich werde sagen was ich denke und ich möchte jedem Menschen der dies liest irgendwie mit meinen Worten etwas mitgeben und ihn oder sie dabei ermutigen genau in solchen oben beschriebenen Momenten nicht still und ruhig zu sein, sondern zu argumentieren. Auch wenn es vielleicht „nur“ darum geht zu erklären das wir ALLES MENSCHEN auf EINER WELT sind. Lasst uns gemeinsam den Nationalsozialist_innen, GIDAner_innen, Alltagsrassist_innen und den ewig gestrigen den Nährboden entziehen. Im Fußballverein vor der Tür, auf der Straße, im Zug, beim Bäcker, einfach überall wo sich die Gelegenheit bietet!

KEINEN FUSS BREIT DEN FEINDEN DER MENSCHLICHKEIT IM DORF!

Soundtrack: Muse – Mercy; INROAD – Herzschlag

ANOTHER WORLD IS POSSIBLE

euer Pudding

3 Gedanken zu „Letztes Konzert von INROAD, Grimma und die Menschlichkeit auf dem Land“

  1. Wow..! große worte, für einen großen lebenabschnitt. inroad hat echt viel in grimma und umgebung erreicht/berührt…und sich selber weiter zum guten menschen gemacht und sie leben es!
    danke inroad!
    auch ein großer dank an pudding, der sich nie von seinem glauben an eine bessere welt abbringen lassen hat…! mit seiner jetzigen arbeit und sein engagement in politik und zwischenmenschlichkeit bewegt und schafft er viel!
    dafür von mir ein rießen danke, und großen respekt!
    one love!

  2. Das Abschieds Konzert von euch War Hammer . die Stimmung War absolut geil und völlig ungewohnt . Schade das ihr aufgehört habt .

    Eure Musik hat mich zum umdenken gepracht

    Ich weiß Kommentar kommt spät habe aber erst Grade dein Blog endeckt und den Beitrag .

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