Stand der Jugendarbeit im Landkreis Leipzig

Dieser kurze Beitrag stellt keine Abhandlung und keinen umfassenden Bericht der derzeitigen Lage der Jugendarbeit im Landkreis Leipzig dar. Er soll den Auftakt bilden für die Überlegungen und Handlungsansätze welche für die Praxis und die Arbeit relevant sind. Für mich persönlich bildet er jedoch den Schlussstrich für einen Kampf gegen ein System und die dort existenten Strukturen. Dieser Beitrag innerhalb einer Speakers Corner auf der Klausurtagung des Kinder und Jugendringes des Landkreises Leipzig am 24.09.2014 markiert für mich das Ende eines über sechs jährigen ringens um Fördermittel und ein damit verbundener Wunsch nach einem Wandel innerhalb der Jugendarbeit nach §11 SGB VIII. Danke an die Veranstalter_innen für diese 5 Minuten und nun Blick nach vorn und weiter suchen nach einer Alternative.

„Ganz einfach: unsere Stockkonservative Wirtschaft fährt schon immer mit halb angelegter und mittlerweile dort festgerosteter Handbremse, stets zu erkennen am Asbestartigen Gestank der eingangs beschriebenen Arroganz, der Unflexibilität, der Unfähigkeit über den Zaun zu schauen und sich selbst ständig in Frage zu stellen. Und vor allem an der mangelnden Bereitschaft, Risiken einzugehen. Zum Beispiel das Risiko, ganz junge Leute in Führungspositionen zu stellen. Die Großfirmen unserer Wirtschaft agieren nicht, sie reagieren. Sie fahren immer nur auf Wegen (eigentlich auf Schienen), bauen und bereiten aber keine neuen Wege. Neben jungem Blut fehlt es ihnen an EInfühlungsvermögen, Eigeninitiative und vor allem an Weitsicht. Aber schließlich kommt man auch so durchs Leben, vielleicht sogar unbeschadeter. Immer schön auf der sicheren Seite bleiben duckmäusern, den Kopf einziehen, eine Urdeutsche Körper- und Geisteshaltung.“ Zitat: Pogo Jogi vom Zephir Team

Dieses Zitat stammt aus den frühen 1980er Jahren, von einem Menschen der damals versucht hat der Skiindustrie zu erklären das im Snowboard und dem dazugehörigen Sport die Zukunft liegt. Geglaubt hat es ihm damals niemand und unterstützt hat ihn erst recht niemand.

§11 SGB VIII
(1) Jungen Menschen sind die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen. Sie sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen.
(2) Jugendarbeit wird angeboten von Verbänden, Gruppen und Initiativen der Jugend, von anderen Trägern der Jugendarbeit und den Trägern der öffentlichen Jugendhilfe. Sie umfasst für Mitglieder bestimmte Angebote, die offene Jugendarbeit und gemeinwesenorientierte Angebote.
(3) Zu den Schwerpunkten der Jugendarbeit gehören:
1. außerschulische Jugendbildung mit allgemeiner, politischer, sozialer, gesundheitlicher, kultureller, naturkundlicher und technischer Bildung,
2. Jugendarbeit in Sport, Spiel und Geselligkeit,
3. arbeitswelt-, schul- und familienbezogene Jugendarbeit,
4. internationale Jugendarbeit,
5. Kinder- und Jugenderholung,
6. Jugendberatung.
(4) Angebote der Jugendarbeit können auch Personen, die das 27. Lebensjahr vollendet haben, in angemessenem Umfang einbeziehen.

Was will ich damit sagen?

1. Ich empfinde die im Rahmen dieses § geförderten Einrichtungen und Konzepte nicht mehr als zeitgemäß, lebensweltorientiert und vor allem nicht als zielorientiert.
– einen Abs. 1 erreichen wir nicht indem Abs. 3 Nr. 2 der Hauptbestandteil der Arbeit und der Gesamtausrichtung ist
– ein Abs. 1 wird nicht durch reagieren erreicht, Reaktion und Defizitorientierung ist im Grunde Arbeit nach §13 SGB VIII und vielen anderen §§ des Gesetzes, diese Arbeit ist unheimlich wichtig bezieht sich jedoch auf das „Kind welches bereits in den Brunnen gefallen“ ist

2. Das Jugendamt, sowie die Kommunal-, Landes- und Bundesregierungen und ein Großteil der Mitarbeiter_innen in diesen Ämtern und leider auch in der derzeitigen Praxis sind für mich leider nichts weiter mehr als ein Abbild der Skiindustrie und der Skifahrer_innen.

3. Woran mache ich dies nun fest?
An den folgenden Konzepten habe ich bei der Entwicklung mitgearbeitet oder sie selbst geschrieben.
2008 Konzept für einen regionalen Jugendfonds für Nicht-organisierte und lose Jugendliche. Finanziert wurde dies durch den Lokalen Aktionsplan. Angesiedelt war das Projekt beim Förderverein für Jugendkultur und Zwischenmenschlichkeit e.V. und es wurde der Versuch unternommen dieses Projekt ehrenamtlich durchzuführen, was leider darin mündete das 2009 ein Teil der Förderung zurück gezahlt werden musste da eine ehrenamtliche Realisierung durch den von außen implizierten Bürokratieaufwand nicht zu stemmen war.
2010 und 2011 Konzept und Antrag für das Flexible Jugendmanagement (FJM) im Landkreis Leipzig welches beim Kinder- und Jugendring im Landkreis angesiedelt ist und anfangs noch teilweise beim Netzwerk für Demokratische Kultur (NDK) in Wurzen integriert war. Eine Förderung basierte anfangs aus Mitteln des Landesjugendamtes und des Lokalen Aktionsplanes. 2011 und 2012 folgte dann ein Ergänzungsantrag zum Flexiblen Jugendmanagement welcher sich „Jugend wird aktiv“ nannte und die Sachkosten für das FJM stemmen sollte damit Projekte durchgeführt werden können. Dies wurde getragen vom NDK und finanziert von der Aktion Mensch und bezuschusst von der Kulturraumförderung. Aus diesem Konzept entsteht derzeitig die Online Plattform nixlos.de welche mit einer Handyapp für Jugendliche kombiniert ist. Beide Konzepte entstanden zusammen mit Anett Klingner (ehem. Konzack).
2012 und 2013 dann die Mitarbeit und Zuarbeit für die derzeitige Jugendhilfeplanung im Landkreis Leipzig welche auf eine Sozialraumorientierung ausgerichtet ist. Diese wird derzeitig von den Mitarbeiter_innen der Offenen Jugendarbeit, welchen sie eigentlich helfen sollte, abgelehnt und zerfetzt.
2013 und 2014 dann das Projekt „Jugend in die Politik“ und ein Auftaktkonzeptentwurf für „Dorf der Jugend“ beides in Trägerschaft des Fördervereins für Jugendkultur und Zwischenmenschlichkeit e.V. aus Grimma und der Diakonie Leipziger Land. Gefördert durch den Lokalen Aktionsplan und ERASMUS+ der EU. Dies sind nur Konzepte und Anträge mit Fördersummen ab 10.000€ und dabei sind ausgelassen Festivals und kleinere Projekte welche einen Beitrag zur Jugendkulturellen Arbeit im Landkreis geliefert haben. Alles zusammen sprechen wir hier von einer Fördersumme von ca. 346.000,00 EUR.

Eine Unterstützung für die Erarbeitung der Konzepte durch ein Jugendamt oder gar eine Akzeptanz sind dabei Fehlanzeige. Besonders deutlich wird dies daran das ich mir erlaubt habe zu fragen ob ich an diesen Konzepten und den sich dahinter verborgenen Ideen weiter arbeiten kann. Denn um dies umfassend zu tun hätte ich Unterstützung für die alltäglichen Betreuungsaufgaben benötigt, denn diese nehmen zu wenn Projekte auch noch erfolgreich durchgeführt werden. Kurzum ich habe nach finanzieller Unterstützung gefragt, welche ich ggf. für Honorarkräfte verwenden kann die ich nach individueller Eignung einsetzen darf um mir so mehr Freiraum für die weitere inhaltliche Arbeit zu schaffen.

Kurzum habe ich als Konsequenz für den Wunsch nach einer Veränderung in der derzeitigen Praxis der Jugendarbeit nach §11 SGB VIII mein Privatleben und mich als Individuum eingebüßt. Das Veränderung allerdings dringend notwendig ist, besonders im Präventivbereich, was nun mal die Jugendarbeit nach §11 SGB VIII ist, zeigt der gestrige Beschluss für die Bereitstellung überplanmäßiger Mittel im Haushalt des Landkreises von 2.000.000,00 EUR für die Finanzierung von Inobhutnahme und Einzelfallhilfe. Tja so teuer kann es werden wenn sich Jugendarbeit auf eine Heisklebepistole, Billiard und Tischtennis reduziert.

Redebeitrag zur Fachtagung der Jugendarbeit im Landkreis

Ein Gedanke zu „Stand der Jugendarbeit im Landkreis Leipzig“

  1. Vorab ein Dank für die nachträgliche Teilhabe an der Klausurtagung und…
    Ja…Jugendarbeit muss neu gedacht werden und wird es ja auch. Nur: Denken ist nicht Handeln (können)! Im Fall der Jugendarbeit steht für mich ein Problem im Vordergrund, welches nicht nur hausgemacht ist. Partizipation und demokratisches Entscheiden und Handeln bedürfen zum Einen des Wollens und Könnens der jugendlichen Betroffenen. Dort kann und muss Jugendarbeit ansetzen. Zum anderen bedarf es jedoch auch des politischen Willens, Jugend und ihre Entscheidungen ernst zu nehmen. Doch wie soll – gerade in unserer demographischen Situation – eine Mehrheit für solche Themen zustande kommen? Eine Absenkung des Wahlalters wäre möglich, aber sicher nicht ausreichend.
    Jugendarbeit braucht junge Köpfe (es gibt durchaus die Möglichkeit, dass diese auch auf nicht mehr ganz so frischen Körpern sitzen!), aber was passiert mit denen, die das Zielgruppenalter schon längst hinter sich gelassen haben? Da muss man – auch zu Recht – die Bedenken der Träger respektieren, welche eben nicht im Zehnjahres-Rhythmus das Personal in Jugendeinrichtungen oder -projekten austauschen können. Auch muss man der Vollständigkeit halber hinzufügen, dass auch und gerade bei Berufsanfängerinnen und -anfängern (und zu meinem Entsetzen auch weit verbreitet unter denen des sozialen Bereiches) oft persönliche Interessen die Wahl des Arbeitsplatzes entscheidend beeinflussen. Und gefühlt stehen da Verdienst, Arbeitszeiten und ein zunehmender Selbstverwirklichungszwang vor ideellen Werten. Wohl die wenigsten sind bereit, ein solches Maß an Zeit, Gedanken und Privatleben der Sache zu widmen, wie Du es tust.
    Ob bewusst oder unbewusst ist das Wort „außerschulisch“ in Deinem Artikel hervorgehoben, aus meiner Sicht mit gutem Grund. Ohne Zweifel ist Schulsozialarbeit richtig und wichtig, aber warum nicht in dem Bereich und damit verbunden aus der Kostenstelle finanziert, die es betrifft. Damit wäre es, wie Schule im Allgemeinen, eine zu finanzierende Pflichtaufgabe. Im Bereich der Lehrerschaft sollte der Erziehungsauftrag selbstverständlich sein. Und um mich nicht falsch zu verstehen, hier noch der Zusatz, dass Sozialraumorientierung natürlich einschließt, dass beide Bereiche zum Wohl der Kinder und Jugendlichen zusammenarbeiten müssen und nicht jeder in seinem System Süppchen kocht. Ich vertrete nach wie vor den sozialräumlichen Ansatz, weil der meines Erachtens den Gegebenheiten vor Ort am Besten gerecht werden kann und zumindest im gedanklichen Ansatz Möglichkeiten bietet, den überbordenden Kosten im Bereich der „in den Brunnen Gefallenen“ Herr zu werden.
    In diesem Sinne: Du bist herzlich eingeladen, Dir auch weiterhin Gedanken zu machen!

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