Die Geister die ich rief… Teil II

Gestern fanden in Schneeberg/Sachsen erneut Veranstaltungen statt, welche entweder rassistisch oder antirassistisch motiviert waren, aber lest selbst. Da der Ursprungsartikel einfach zu lang geworden ist, habe ich mich hier noch einmal entschieden, nur auf den 17.11. einzugehen. Im Artikel vom 04.11. findet ihr alles gesammelt! Hier jetzt nur der 17.11.2013

17.11.2013
Gestern am 16.11. fanden in Schneeberg nun wieder mehrere Veranstaltungen statt. Zum einen der sog. “Lichtellauf” der NPD und verwirrter Bürger_innen mit ca. 1000 Teilnehmer_innen, wegen dem sich die anderen zwei Veranstaltungen gebildet haben. Eine dieser anderen Veranstaltungen war die des Netzwerkes “Schneeberg für Menschlichkeit” mit ca. 500 – 800 Teilnehmer_innen und eine bundesweit mobilisierte “Refugees Welcome” Demo mit ca. 1000 – 1500 Teilnehmer_innen (die Zahlen sind den bisher erschienen Pressemeldungen entnommen und erheben keinen Anspruch auf Korrektheit, meine Schätzungen bezüglich der Refugees Welcome VA gehen von ca. 1100 aus). Schon allein im Namen der beiden Gegenveranstaltungen wird der Unterschied deutlich und aus heutiger und persönlicher Perspektive finde ich dies auch vollkommen in Ordnung. Die Menschen, welche sich in dem NW “Schneeberg für Menschlichkeit” engagieren, kommen zum großen Teil aus Schneeberg und/oder leben dort, für sie ist es eine alltägliche Aufgabe, sich dem Alltagsrassismus in den Köpfen ihrer Heimatstadt entgegen zu stellen, für Solidarität zu werben und für Aufklärung zu sorgen. Es ist natürlich, ich spreche da aus Erfahrung, nicht schön, wenn du überall, wo du von deinem “Heimatort” sprichst, dich für die Verfehlungen der sogenannten “Volksgemeinschaft” rechtfertigen musst, also ist es höchste Eisenbahn am Alltagsrassismus in den Köpfen der Menschen vor Ort etwas zu machen, dies können allerdings nur Menschen tun – damit eine Nachhaltigkeit einsetzt – die von vor Ort kommen.

Auf zahlreichen Facebookseiten kann mensch beobachten, wie sich über die “angekarrte” ANTIFA beschwert wird. Dazu muss gesagt werden, das Ankarren erfolgte von selbst, denn kein Mensch, der Wochenende für Wochenende seine Freizeit neben Studium, Arbeit, Familie oder what ever opfert, um sich für eine andere Welt einzusetzen, macht dies, weil er gerade nichts anderes zu tun hat. Nein er/sie tut es, weil es irgendwo tief im Herzen eine Überzeugung gibt, welche von einer anderen Welt träumt, eine Welt, in der auch Grundrechte geachtet werden. Die Würde des Menschen ist z.B. unantastbar und wenn gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Rassismus von 1800 Menschen auf einen Marktplatz getragen werden, dann sind dies 1800 Gründe, von sonst woher zu kommen und zu sagen, dass dies große Scheiße ist! Vielleicht wird es dazu auch noch einen extra Text geben, denn die Betrachtungsweise ist interessant.

Kommen wir aber zurück zu Schneeberg! In den Medienberichten lässt sich wahrscheinlich ein besseres Bild der Gesamtsituation ablesen, da ich hier ja Teil einer Veranstaltung war und somit nur einen eindimensionalen Blick an den Tag legen kann. Selbst aber dieser Blick gibt mir ernsthaft zu denken. Ich habe lange überlegt, ob ich nach Schneeberg fahre oder nicht, aber die Berichte und Kommentare auf den Internetplattformen haben mich derartig wütend gemacht, dass ich keine andere Möglichkeit mehr gesehen habe. Auf einem Banner am Lauti stand: “We are fucking angry” und ja – das trifft den Punkt. Viele Menschen innerhalb der Demo haben ihr halbes Leben damit verbracht, sich gegen Rassismus, Faschismus und besonders die Menschenfeindlichkeit zu positionieren. Sie haben in der Schule, auf Partys, auf der Straße, vor’m Proberaum, an der Bushaltestelle und wo auch immer auf die Fresse bekommen, weil sie die Welt als Ganzes verstanden haben und Menschen als Menschen betrachten und nicht als Angehörige einer beschissenen Nation. Natürlich kann ein Mensch sich mit seinem Geburtsland identifizieren, wenn er/sie dies geil findet! Einen anderen Menschen abzulehnen, der aus seinem Geburtsland fliehen musste, weil er es dort nicht lebenswert findet – dabei ist egal, ob aus wirtschaftlichen oder kriegerischen Aspekten – kann doch da nicht legitim sein. Die Asyldebatte will ich aber auch gar nicht noch weiter ausdehnen. Mir soll es um gestern gehen. Auf der Demo wurden Aufkleber mit dem Aufdruck “Scheiß Drecksnest” verteilt und verklebt. Ob diese Aufkleber positiv oder negativ zu bewerten sind, liegt eindeutig an der Perspektive. Ich hätte einen derartigen Aufkleber auch nicht verklebt, da ich noch vor 6 Wochen in Schneeberg auf einer schönen Privatparty mit vielen guten Freund_innen war (wo viele allerdings nicht mehr in Schneeberg wohnen). Ich verstehe aber auch die Perspektive derer, die diese Aufkleber gedruckt und verklebt haben. Deren Erstkontakt zu Schneeberg waren die Pressemeldungen, dass 1800 Rassist_innen auf dem Marktplatz Parolen von sich gegeben haben, die nicht hinnehmbar sind. Die Verbindung aus 1800 Menschen, NPD als Wortführerin und mangelnde Gegenwehr aus der ortsänsässigen Bevölkerung haben es so schlimm und inakzeptabel gemacht und dann kommt es zu solchen Pauschalaussagen wie “Scheiß Drecksnest” und vor allem zu einer bundesweiten Mobilisierung. Jetzt stellen wir uns vor, du investierst einen Großteil deines eigenen Lebens, um es in den Dienst der Gesellschaft und besonders der gesellschaftlichen Entwicklung zu stellen, dann fehlen dir die Worte und “Scheiß Drecksnest” (zu sagen oder zu kleben) macht dir ein bisschen Freiraum im Kopf und Herz, aus Schneeberger_innensicht nicht die optimalste Möglichkeit, aber eine (auch noch relativ liberale), um sich seiner Wut zu entledigen. Gesellschaft ist ebenso der Evolution unterlegen wie die Natur. Auch Wirtschaft entwickelt sich weiter und all dies sind Dinge, welche wir teilweise beeinflussen können. Dies funktioniert allerdings nicht, wenn wir auf aktuelle Fragen mit Perspektiven antworten, die einfach nicht mehr in unsere Zeit passen. Nationalsozialismus ist z.B. eine davon. Das erste Problem liegt da im Wort Nation bzw. national. Checkt es einfach, dass eine Nation keine Zukunft mehr hat und deshalb bedarf es anderer Ideen. Wir leben in einer Europäischen Union und es gibt ein weltweites Wirtschaftsnetz. Ob wir dies gut finden oder nicht, steht dabei nicht zur Debatte, es ist ein Fakt. Wenn ich also in einer bestimmten Art und Weise leben will, muss ich dies einfach auch anderen Menschen zugestehen. Um dann Kritik zu üben, sollte ich einfach auch wissen, woran ich Kritik übe. Ich schweife aber ab.

Die Wehrsportgruppe “Grubenlicht” hat gestern ein Banner in Sichtweite der Refugees Welcome Veranstaltung zeigen dürfen, auf welchem sie “Faschismus von Links” ablehnen. Hier muss ich mich ernsthaft fragen, ob unsere Schulbildung noch hinhaut und ob eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Begriff erfolgt ist. Links und Rechts sind ebenfalls Begriffe, welche einfach nicht mehr hinhauen, aber da sollte wahrscheinlich jede_r selbst irgendwann drauf kommen. Sich selbst immer wieder erklären zu müssen, nervt einfach. Das oft verwendete Argument, Meinungsfreiheit und Toleranz würde von Menschen, welche sich gegen einen rassistischen Mob positionieren, außer Kraft gesetzt, geht mir auch echt auf den Zeiger. Warum bitte sollte ich einen Menschen tolerieren, der dies nicht mit anderen Menschen ebenso tut! Das verstehe ich einfach nicht, dies widerspricht jeder politologischen und soziologischen Grundlage. Er verlangt damit ja quasi eine Außerkraftsetzung von Grundrechten – mithilfe des Grundrechtes! Logik gleich Null! Besser wäre da doch, zu sagen, ich finde das nicht gut, gibt es vielleicht eine Möglichkeit, dies anders zu lösen, lasst uns einen Kompromiss finden. Fallen dann aber solche Worte, gerade beim Thema Asyl, wie ausweisen oder Asylmissbrauch, ohne zu wissen, gerade beim Thema Asylmissbrauch, warum die Menschen dies vielleicht tun, dann sind da Motive erkennbar, welche nicht gerade darauf schließen lassen, dass es dem/r Wortführer_in um das Wohl des Menschen geht, über den gesprochen wird. Der Ton macht die Musik. Also liebe Schneeberger_innen und Asylkritiker_innen im Bundesgebiet, reiht euch in die Gruppen ein, die es gibt, und setzt euch für Dinge ein, welche die Situationen entschärfen. Wie z.B. eine dezentrale Unterbringung, schnellere Antragsbearbeitung, um den geflüchteten Menschen die Möglichkeit zu geben, sich zu integrieren und nicht 5 Jahre im Duldungsstatus zu hängen.

NO BORDER NO NATION STOP DEPORTATION

Denn das ist nicht menschlich und wenn jemensch wissen möchte, warum ich diese Ansicht vertrete und derartige Aussprüche treffe, dann schreibt mich an und fragt mich oder fangt an, euch intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen! Sucht das WARUM!

Folgend noch ein Statement von Dok M.A.A.R., besser kann mensch die Motivation nicht ausdrücken. DANKE!

Quelle: Facebook
Mehr Info´s unter: dokmaar.de

Gestern erhielten wir die Möglichkeit auf der Demo gegen den rassistischen Mob in Schneeberg unser Projekt kurz vorzustellen:

Liebe Freund_innen, liebe Mitstreiter_innen,

wir möchten euch an dieser Stelle unsere solidarischen Grüße übermitteln – eure Präsenz heute, hier, in diesem [abgelegenen] Ort – ist dringend und unbedingt notwendig. Schneeberg steht symbolisch für die Zuspitzung der latent vorherrschenden deutschen rassistischen Verhältnisse. Zahlenmäßig ist es selbstverständlich erschreckend, wenn ein deutscher Mob von 2000 Rassist_innen und organisierten Nazis nachts mit Fackeln [ oder wie heute mit Knicklichtern] gegen Asylsuchende hetzt und droht „einen Gang höher zu schalten“. Doch liegt man in der Annahme falsch, dass Schneeberg darüber hinaus ein „Sonderfall“ ist. Überall in der Bundesrepublik bilden sich Bürgerinitiativen und Bürgermobs, unterstützt von organisierten Neonazis, um gegen Geflüchtete und deren Heime, in denen sie gezwungen werden zu leben, mobil zu machen.

Bisher sind uns allein 2013 acht Brandanschläge auf bewohnte Asylbewerberheime, bei denen Menschen verletzt wurden, bekannt. Darüber hinaus wurden zwei ehemalige oder zukünftige Asylbewerberheime angezündet. Weiter sind uns über 20 direkte Aktionen, wie Böller und Flaschenwürfe, Sachbeschädigungen und rechte Sprühereien, sowie gewalttätige Übergriffe auf Geflüchtete und deren Unterkünfte bekannt. Und über 40 mal bildeten sich dieses Jahr in der BRD rassistische Bürgermobs in verschiedenen Orten, um gegen die dort untergebrachten Flüchtlinge zu hetzten.
Dabei sind Demonstrationen oder Kundgebungen rechter Parteien, bei denen es zu keiner größeren Beteiligung der lokalen Bevölkerung kam, nicht mitgerechnet.
Mal ganz abgesehen von strukturellen und gesetzlichen Peinigungen, die die Betroffenen oft jahrelang ertragen müssen. Vorfälle und die Stimmung der lokalen Bevölkerung wie in Duisburg, Güstrow oder Arnstadt sind genauso drastisch und bezeichnend wie die Situation in Schneeberg. Spiegeln sie doch das menschenverachtende gesellschaftliche Klima in der BRD wieder.

Das Ausmaß solcher Szenerien erinnert an die Pogromstimmung der neunziger Jahre in Deutschland. Hoyerswerda 1991, Rostock-Lichtenhagen 1992 oder Solingen 1993.
Aufgrund der nun erneut überkochenden Stimmung bundesweit hat sich dieses Jahr im Herbst das Dokumentationsarchiv Monitoring Agitation Against Refugees In Germany, kurz „Dok-Maar“ gegründet. Die Idee des Projektes ist es, die aktuellen Proteste gegen Asylsuchende grafisch und chronologisch zu dokumentieren, um einen Überblick über die, oft verharmlosend als Einzelfälle bezeichneten, Ereignisse zu geben.
Das Archiv versucht den Zusammenhang von strukturellem, alltäglichem und gesellschaftlich-bürgerlichem Rassismus offensichtlich zu machen und so einen Beitrag zu leisten, um die
Illusion der entschuldigenden „Wir sind ja keine Rassisten, ABER“-Argumentationen zu zerstören. In regelmäßigen Updates dokumentieren wir auf unserer Website www.dok-maar.de Agitationen gegen Asylsuchende wie Brandanschläge, Körperverletzungen und Beleidigungen, Proteste wie hier in Schneeberg von Wutbürgern und Nazis oder aber nicht eindeutige Fälle.
Jedoch soll mit diesem Gruß an euch nicht nur unser Projekt vorgestellt werden. Wir möchten euch alle an dieser Stelle um eure Hilfe und Unterstützung bitten. Oft stellt sich die Recherche nach Angriffen komplexer dar, als sie letztendlich sein muss. Oft geraten Fälle in Provinzen oder Dörfern in Vergessenheit, da sie öffentlich bewusst ausgeblendet werden. Wenn ihr also könnt, schaut einmal auf unsere Seite. Wenn ihr wisst, dass es Agitationen gegen Asylsuchende gab, die wir noch nicht dokumentiert haben, kontaktiert uns bitte. Wir freuen uns über eure Unterstützung! Weitere Informationen, Chroniken, sowie einen Überblick über Geschehnisse findet ihr auf www.dok-maar.de

Euer Dok-Maar Team

P.S.: Außerdem haben wir einige Ergänzungen an der Website vorgenommen, dazu die Tage mehr.

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